Dem «Principio Potosí» auf der Spur
Eine Ausstellung in Madrid findet den Ursprung der Moderne in den Silberminen Boliviens. Dort floss 300 Jahre lang Blut, und dort machte man Eingeborene mit Kunst gefügig. Werke des Barock und der Gegenwart ziehen Parallelen zwischen dem Kolonialismus von Potosí und den Zentren der Globalisierung von heute.
Erlebnis-Kolonialismus bietet eine Schau derzeit in Madrid. Die Ausstellung «Principio Potosí» erzählt im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía die Entstehungsgeschichte der modernen Welt, von Potosí bis Peking, vom Kolonialismus zur Globalisierung. Sie funktioniert nach eigenwilligen Kriterien und zeigt rund 45 Werke, vom andinen Barock bis zu westlicher und asiatischer Konzeptkunst der Gegenwart.
Erschöpft und entmutigt
Ein dicht bedrucktes Handbuch führt hin und her durch den Ausstellungsraum, von Station 1 zu Station 13, dann wieder zu Nummer 6 und deren Spiegelung an der Rückwand. Es führt zwischen Bildschirmen und hängenden Objekten hindurch, leitet zu Figuren, Bildern, Projektionen, lenkt auf Baugerüste und unter Halbetagen. Es zeichnet den Weg der Moderne. Sie basiert seit 400 Jahren auf lokaler Ausbeutung von Arbeitern und globaler Vermarktung von Gütern. Der Besucher bekommt eine Ahnung vom Dasein der Ahnungslosen, in dunklen Schächten oder engen Hütten, irgendwo ausgeliefert, uninformiert. Er wird damit Teil der Geschichte: Wer die politisch konzipierte Schau komplett durchläuft, fühlt sich nach rund drei Stunden selbst orientierungslos. Und man ist erschöpft und entmutigt angesichts der Brutalität und weitgreifenden Wirkung des Systems. Die Macher der Ausstellung, drei Konzeptkünstler und eine Soziologin, nennen es Potosí-Prinzip.
Seinen Ursprung hat es im bolivianischen Hochland, in der Silberstadt Potosí. Die war im 17. und 18. Jahrhundert grösser als Paris oder London und versorgte die Welt mit dem Edelmetall, das über europäische Börsen auch bis nach Indien gelangte. Rund acht Millionen Indios starben beim Abbau in den Minen des Cerro Rico, des Reichen Berges. Barocke Abbildungen wie «Descripción del Cerro Rico e Imperial Villa de Potosí» von Gaspar Miguel de Berrio aus dem Jahr 1758 halten einen Teil jener Realität fest: Das Gemälde zeigt, ohne die Regeln der Zentralperspektive, eine weitläufige Stadt- und Berglandschaft, die voller menschlicher Miniaturen ist. Diese tun alles ausser arbeiten und Alkohol trinken: Sie schlachten Tiere, halten Prozessionen ab, heiraten. Keinerlei Verweise auf die Arbeitsbedingungen und sozialen Probleme in der Siedlung.
Andere Werke aus jener Epoche, die im Stil der Schule von Potosí in grosser Menge entstanden sind, zeigen mit sadistischer Detailverliebtheit, was dem passiert, der sich nicht zum Christentum bekehrt. Spanische oder kreolische Minenunternehmer hatten die Ölgemälde bei örtlichen Künstlern in Auftrag gegeben, zur Evangelisierung der Arbeiter und als Tribut an die Kirche: Menschen sterben am Pfahl, am Rad, unter Wasser, am Galgen. Teufel umschleichen, fesseln, bedrohen sie. Hier hat sich die Kunst in den Dienst des Kolonialismus gestellt, eines Systems der Ungleichheit.
Vom Kopf ins Herz
Welche Rolle spielt Kunst heute, im Zeitalter der Globalisierung? Diese Frage stellten die Kuratoren Alice Creischer, Max Jorge Hinderer, Andreas Siekmann und Silvia Rivera Cusicanqui rund 20 Künstlern und Kollektiven in Dubai, Peking, Moskau und London. Sie sollten mit jeweils einem Bild des andinen Barock in Dialog treten. Das Resultat ist Rebellion, wie man bei Eduardo Molinari, María Galindo, Zhao Liang, Chto Delat oder David Riff und Dimitry Gutov sieht. Auch Ines Doujak, Matthijs de Brujine, Rogelio López Cuenca und Harun Farocki zeigen kritische Installationen zur Soja-Monokultur in Argentinien, Videos zur Rolle indigener Frauen, Bilder von Chinesen, die versuchen, ihr Recht auf Einspruch einzuklagen, oder ein satirisches Singspiel über die Energie-Oligarchie von Sankt Petersburg. Auch die begehbare und original nachgebaute Hütte einer chinesischen Arbeiterfamilie stellt einen Bezug her zwischen Potosí und Peking. Zwischen zerkratzten Plasticschalen, Jacken an Nägeln, einem Lattenrost auf Ziegelsteinen und ausgetretenen Flipflops in Kindergrösse sacken die gesammelten Informationen dann vom Kopf ins Herz.
«Die Welt befindet sich in einer tiefen Strukturkrise. Es ist an der Zeit, herkömmliche Paradigmen zu hinterfragen», sagt der Leiter des Reina-Sofía-Museums, Manuel Borja-Villel. Der Kunsthistoriker schreibt mit dieser und neun weiteren Schauen die Kulturgeschichte neu, vorerst noch bis Ende Oktober. «Bisher begann die Moderne bei Baudelaire. Für uns beginnt sie mit der Eroberung Amerikas.» Dann will der Reformer dem staatlichen Museum, das er seit zwei Jahren leitet, generell eine neue Funktion zuschreiben: Zunächst hat er die Sammlung thematisch strukturiert und zeigt nun Stücke daraus abwechselnd unter einem Motto.
Dann will er weg von publikumswirksamen Einzelausstellungen bedeutender Künstler und hin zu Konzeptschauen mit politischem Anspruch: «Dazu sind wir moralisch verpflichtet.» Borja-Villel bezieht sich damit auch auf die Verantwortung Spaniens gegenüber Lateinamerika, 200 Jahre nach Beginn der Kriege zur Befreiung von der Kolonialmacht. Sinn zu stiften, das sei in der heutigen Welt die Rolle der Museen, meint er. Sein Haus soll, ganz im Gegensatz zur andinen Malerei des Barock, nicht als Teil eines etablierten Unrechtssystems fungieren. Quelle: NZZ
Principio Potosí. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía. Bis 6. September 2010. Die Ausstellung geht danach ins Haus der Kulturen in Berlin und ins Staatliche Museum für Ethnologie und Folklore in La Paz.
6.8.2010




















