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Luzart 2010

Die Essenz der Dinge im Vitra-Design-Museum

Formvollendet:

die Stühle DAX (1950) und DSS (1954) von Charles Eames

In seiner neuen Ausstellung sucht das Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein nach dem Kern der Dinge. In der Reduktion findet es die Grundlage und den Sinn jeder Gestaltung. Anhand von historischen und neuen Exponaten werden Fragen gestellt und Perspektiven aufgezeigt. Über den Ursprung des Kreativen und dessen Produkt denkt jede Generation nach. Der Gedanke ist das eine, der Gegenstand oder das Ding das andere. Ein Ding kann man finden und nutzen, aber auch den Erfordernissen des Alltags entsprechend gestalten. Nach welchen Kriterien aber bilden die Dinge des Alltags einen Kanon? Sind dort Gegenstände gefordert, die die Handarbeit und deren Prozesse erleichtern und verkürzen? Benötigt der Alltag einfach zu handhabende Dinge, welche die Gefahren von Verletzungen verringern oder verhindern? Was ist mit den Dingen, deren Benutzung den Schönheitssinn erfreut, weil Form und Material eine zufriedene Selbstverständlichkeit beim Berühren auslösen, und deren Nützlichkeit um die Dimension von Sinnlichkeit und Begehrlichkeit erweitert wird? Wie ist das Verhältnis zum nobilitierenden Bereich der Kunst? Wo fängt diese bei einem Ding an? Wie ist dies alles mit der Existenzfrage von Design oder Designobjekten in einem liberalen Markt verbunden? Welcher Aufwand an Arbeit, Material und Energie lohnt sich, damit ein Ding unter wirtschaftlich-unternehmerischen Kriterien hergestellt und verkauft werden kann? Ein gordischer Knoten aus Fragen.

Design und Sinn

Unter dem Titel «Die Essenz der Dinge – Design und die Kunst der Reduktion» geht derzeit eine Ausstellung im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein diesem Fragenkomplex nach. Und man tut dies, wie der Katalog betont, auch im Zeichen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. Folgt auf den Hype des Marktes, den die Designfirma Vitra mit Teilen ihrer Produktpalette selbst jahrelang erfolgreich bediente, nun der ausstellerische Katzenjammer? Der Frage nach Kern und Sinn gestalteter Produkte gingen im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts Ausstellungen in Darmstadt (1976) oder Rotterdam (1995) nach, und seit der Jahrtausendwende wurde das Thema von Instituten in New York, Zürich («Every Thing Design», Museum für Gestaltung, 2009), Tokio, Mailand, London oder Berlin aufgegriffen. Das Vitra-Museum macht also nichts wirklich Neues. Aber da hier eine sorgfältige Auswahl der eigenen, imposanten Stuhl- und Designsammlung mit Leihgaben und ganz neuen Objekten in Frank Gehrys Museumsbau präsentiert wird und dieser Überblick mit der Tatsache verknüpft ist, dass Vitra mit Produktion und Marketing selbst ein normativer Faktor im Diskurs von Sinn und Design ist, rückt die Schau näher an die ökonomische Wahrheit. Dies macht sie authentischer.

Mit 159 Exponaten – von einem paläolithischen Faustkeil über einen formschönen Biedermeierstuhl aus Kirschholz und eine Dose der seit 1911 produzierten Nivea-Handcrème bis hin zum legendären Sparschäler Rex (der von der Migros zum Preis von 1 Franken 90 angeboten wird) – bleibt man im sachlichen Objektbereich. Mit einem Original des neuen indischen Kleinautos Tata Nano, das mit einem Verkaufspreis von 1530 Euro das derzeit kostengünstigste seriell produzierte Auto weltweit ist, wird der Bereich von Essenz und Ding auf die metaphorische Ebene von gehobenem Massenkonsum in einem Schwellenland, aber auch von Energieverbrauch und Schadstoffemission gehievt. Das Spektrum, das Mathias Schwartz-Clauss in der Ausstellung zusammengestellt hat, ist von irritierender Heterogenität und von imposanter Breite.

Bedingt durch die Sammlung des Museums machen Sitzmöbel, Lampen und deren Prototypen einen Grossteil der Exponate aus. Nach der Erfindung der Dampfmaschine im späten 18. Jahrhundert blieben die Produkte der Industrialisierung lange anonym und der «Ding-Diskurs» entsprechend überschaubar. Teilweise erfolgte die Herstellung noch von Hand und in teilmechanisierten Prozessen. Kommunikations- und Distributionswege waren langsam und kompliziert. Die Logistik des Lebens im 19. Jahrhundert blieb im Rahmen einer überschaubaren, additiven Welt. Aber mit der Autonomisierung der Maschine im System des Taylorismus (Frederick Winslow Taylor: «The Principles of Scientifique Management», 1911) begann im 20. Jahrhundert das industrielle Zeitalter der Masse. Der Diskurs über das Ding wurde nun in die Ambivalenz der politischen Philosophie zwischen liberalem Individualismus und sozialistischem Kollektivismus eingebunden. Und zwischen diesen beiden Polen oszilliert er bis heute.

Die Essenz des Dings ist einerseits Haltbarkeit, Handwerklichkeit, Materialgerechtigkeit und nachhaltige Formschönheit (ein gerne benutztes Objekt wird gepflegt und so seine Lebensdauer verlängert). Anderseits hängt die Essenz des Dings zusammen mit dem Grad seines Potenzials hinsichtlich einer besseren Zukunft, einer Demokratisierung des Konsums in der Form (durch kostengünstige Massenproduktion) und einer zunehmenden Egalisierung in einer normativen Ästhetik. Die Ausstellung in Weil am Rhein bietet Anschauungsmaterial für beide Fraktionen (auch wenn das Label des Hauses besonders berücksichtigt wird). Es gibt die Objekt-Perlenschnur mit den klingenden Namen wie Rams, Eames, Willy Guhl, Pesce, Jasper Morrison, Thonet, Wagenfeld, Alfred Roth, van Seeveren, Rietveld, Sottsass, Jacobsen, Panton, Colani, Kiesler, Starck, Isamu Noguchi, Mies van der Rohe, Stam, Breuer, Colombo, Mendini, Eileen Gray, Gropius, Max Bill, Prouvé, Shiro Kuramata, Naoto Fukasawa, Saarinen oder Aalto.

Dann wieder sieht man «everyday design» mit Klassikern wie Alfonso Bialettis Espressomaschine (1933), Alfred Neweczerzals Sparschäler Rex (1947) oder Ole Kirk Christiansens Stecksystem Lego (1958). Von Stephen Perry ist das Gummiband (1845), von William Middlebrook die Büroklammer (1890), von Paul Schmidt die Batterie (1896), von William Taylor der Golfball (1905) zu bewundern. Auch der Apple-Chefdesigner Jonathan Paul Ive ist mit iPod und MacBook im Museum angekommen. Weiter gehören der Maggi-Suppenwürfel (1908), die Thermosflasche (1922), das Latex-Kondom (1931), das Post-it (1974) oder die Swatch (ab 1991) zu den Exponaten. Die Rarität eines königlichen Feldbettes (um 1800), dessen gepolsterte Ledermatte mit dem klappbaren Metallgestell auf das Möbeldesign des 20. Jahrhunderts weist, ist leider nur im Katalog zu sehen.

High and Low

Szenische Räume und Installationen versuchen die Exponate auch in betriebswirtschaftliche (die Logistik von Thonet und Ikea) oder aussereuropäisch-kulturelle Zusammenhänge (japanische Landschafts- und Raumempfindung) zu bringen. Die Erkenntnis der Schau ist nicht gering. So kann die Essenz der Dinge alle Gegenstände im Spektrum von High and Low und in allen denkbaren Preissegmenten umfassen. Das Kunstwerk im Designobjekt ist wie das autonome Kunstprodukt nicht erklärungsbedürftig. Zu immateriellen Ehren aber kommt der Designgegenstand erst durch den Faktor Zeit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Quelle: NZZ

Bis 19. September 2010. Katalog: Die Essenz der Dinge – Design und die Kunst der Reduktion. Hrsg. Mathias Schwartz-Clauss und Alexander von Vegesack. Weil am Rhein 2010. 132 S., € 41.–.

28.4.2010