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Luzart 2010

Gabriel Orozco im Kunstmuseum Basel

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Der Mexikaner Gabriel Orozco ist einer der grossen Künstler der Gegenwart und seit Jahren schon ein Star der internationalen Kunstszene. Die repräsentative Schau im Kunstmuseum Basel macht Strategien und Leitmotive seines erstaunlichen Werks sichtbar. Das Herz eines Menschen kann sich in seinem Gesicht zeigen. Warum nicht auch in seinen Händen? «My Hands are my Heart» heisst eine Doppel-Fotoarbeit von Gabriel Orozco aus dem Jahr 1991. Sie zeigt den nackten Oberkörper des Künstlers. Mit beiden Händen presst er vor seiner Brust einen roten Tonklumpen, den er auf der zweiten Foto in seinen geöffneten Händen dem Betrachter darbietet: Der Ton hat die Form eines Herzens bekommen. Es ist ein sprechendes Bild für das Zentrum des Lebens, das die Formkraft des Künstlers selbst hervorgebracht hat.

Kunst der Inszenierung

Der Abdruck ist eines der Grundmotive in Orozcos Kunst. Nicht die dauerhafte Form des klassischen Plastikers, sondern der flüchtige Abdruck, den das Leben in der Welt hinterlässt. Eine Spur wie die Wellenringe einer Wasserpfütze genügt ihm, um ein gültiges Werk zu schaffen. Der 1962 als Sohn eines kommunistisch engagierten Wandmalers geborene Orozco gilt als Grenzgänger zwischen einer ganzen Reihe von Ausdrucksformen der späten Moderne: (Post-)Minimalismus, Arte povera, Land-Art, Readymade und Konzeptkunst. Seine Kunst hat von allen etwas. Hinzu kommt der «Mexicanismo», der zweifellos das Werk durchfärbt und Mythisches und Religiöses wachruft. Und nicht zuletzt ist das, was ihn berühmt und zum Star der Biennalen gemacht hat, auch seine Kunst der Inszenierung, die das Unspektakuläre und Nichtige einzigartig werden lässt. Orozcos Werk will nichts Geringeres als eine Auslegung der Welt aus den Dingen und der Spur des Lebendigen.

So ist auch seine persönliche Auslegeordnung der Dinge das zentrale Stück der Ausstellung, die das Kunstmuseum Basel derzeit zeigt – in Koproduktion mit dem New Yorker MoMA, dem Centre Pompidou in Paris und der Londoner Tate Modern. Die «Working Tables» (1991–2006) sind Fund- und Bastelobjekte aus allen Regionen unserer Lebewesen- und Dingwelt, vom Walknochen bis zur Schuhschachtel. Orozco hat sie nach ihrer Zusammengehörigkeit sortiert, so dass sie kleine Ordnungen bilden innerhalb des grossen Dingkosmos. Mendes Bürgi, der Direktor des Museums und Kurator der Ausstellung, konnte das prominente Werk, das eigentlich ein künstlerischer Ideen- und Materialfundus ist, im Jahr 2007 für die Sammlung erwerben. Die «Working Tables» – hier zu einem Tisch vereint – wurden von ihm konsequent in der Mitte des Rundgangs placiert. Von ihnen aus kann der Besucher die Ausstellung nach beiden Seiten aufrollen: Er wird immer wieder auf visuelle Zusammenhänge und Motive stossen, die Orozcos Schaffen seit Beginn der neunziger Jahre bis heute begleiten.

Es ist eine verführerisch intuitive Kunst, die oft kindliches Staunen über das Besondere im Alltäglichen hervorruft. Scheinbar irregulär, greift sie in viele Formensprachen aus: Manipulierte technische Objekte wie der ausgedünnte Citroën («La DS» 1993) oder die auf die Körpergrösse des Künstlers gekürzte Fahrstuhlkabine («Elevator», 1994) finden sich neben einem Menschenschädel, der mit einem Schachbrettmuster aus Grafit überzogen ist («Black Kites», 1997). Es gibt klassische Fotoarbeiten, berührend schön durch die Wärme des Blicks, die das Unscheinbare zum Kleinod und das Ephemere zur Ewigkeit erhebt; und es gibt Schmutzobjekte wie den unförmigen Plastilinball, den Orozco durch die Strassen New Yorks gerollt und mit allen Spuren des Grossstadtasphalts behaftet hat («Yielding Stone», 1992). Fetischhafte Schönheit steht gleichberechtigt neben den Abfallspuren des Lebens.

Das Irreguläre dieser Kunst täuscht. Orozcos Werk folgt über zwanzig Jahre hinweg immer denselben Wegen, die vielleicht sogar zu einem einzigen zusammenführen. Ein durchgängiges Motiv ist sein Bestreben, das Technische mit dem Organischen zu verbinden, das Unvereinbare gleichsam zur Deckung zu bringen. «Recaptured Nature» nennt er ein aufgeblasenes Objekt, das aus zwei verschweissten Schläuchen eines Autoreifens besteht. Mit nichts in der Welt vergleichbar, ist dieses seltsame Ding in die zweckfreie Eigenschaft seines Kautschukmaterials zurückgekehrt.

Es steht in der Ausstellung in unmittelbarer Nähe zur schmalbrüstigen «DS», deren Autoblick das Erschrecken über die eigene Magerkeit bekundet. Orozco schafft Animationen des Technischen, die jenseits von Funktion und Natur sind.

Staubzarte Fleece

Dinge jenseits von Funktion und Natur gewinnen leicht etwas Mythisches. «La DS», Orozcos berühmtestes Werk und längst zum Kultobjekt geworden, verfolgt den Ruhm des Künstlers mittlerweile wie ein ungeliebter Fetisch. Da Orozco die Erwartungen seines Publikums enttäuschen will, ist der Fetischcharakter, den viele seiner Werke besitzen, eher unerwünscht. Doch er beschwört ihn selbst. Als er den Schädel mit Grafit ornamentierte, kam es ihm auf das reelle Objekt an, nicht auf das Symbol des Todes. Dass hinter diesem Werk der ganze mexikanische Totenkult heraufscheint, kann er nicht verhindern.

Das Kultische ist eine Gefahr für die Kunst. Vielleicht dreht Orozco sein Schaffen auch deshalb immer wieder in andere Richtungen. Seine computergenerierte Malerei der letzten Jahre scheint wie ein Einschwenken auf ein klassisches Medium und war die bisher stärkste Enttäuschung der Erwartungen an seine Kunst. Doch er zerlegt darin nur auf neue Weise das allgegenwärtige Kreismotiv, das von den Anfängen bis heute durch sein Werk wandert. Gleich mathematischen Fraktalen scheint es in diesen «Diagrammen» vom Zentrum ins Unendliche zu wachsen. Für Orozco sind die Diagramme eine Art Dechiffrierung des Lebendigen und damit den Wellenringen, Orangen und Autoreifen seines Werks näher verwandt, als es auf den ersten Blick aussieht.

Der letzte Raum der Ausstellung ist seinen «Lintels» gewidmet, den synthetischen und organischen Partikelspuren aus den Flusensieben von Tumblern. Staubzarte Fleece hängen gleich Wäschestücken über quer gespannten Leinen. Das ist alles. Eine zarte Provokation für die ehernen Hallen des Kunstmuseums und ein starkes Werk in Orozcos Suche nach dem Abdruck des Lebens in der Welt. Die «Lintels» sind ein Nichts aus Kleiderflusen und Haaren. Wenn der Abdruck der Hände das Tonherz als Zentrum des Lebens formt, dann ist hier die letzte Spur: Weniger könnte das, was übrig bleibt, kaum sein. Quelle: NZZ

Gabriel Orozco. Kunstmuseum Basel. Bis 8. August 2010. Katalog Fr. 68.–.

15.5.2010