Täfermalereien des 18. Jahrhunderts freigelegt
Raffinierte, offene Grisaille-Kompositionen mit viel Himmelsraum
Ländliche Szenen, Blumengirlanden und feine Ornamente: Im «Haus zur Geduld» in Winterthur sind Grisaille-Malereien aus dem 18. Jahrhundert freigelegt worden. Weit über hundert Jahre lang waren sie unter acht Farbschichten verborgen. Irgendwann im 19. Jahrhundert hatten die Bewohner des «Hauses zur Geduld» in der Winterthurer Altstadt genug von den Wandmalereien, die einer ihrer Vorfahren in einem Prunkzimmer hatte anbringen lassen. Die feinen Grisaille-Malereien, nur mit schwarzer, weisser und grauer Farbe auf grauen Grund auf das Holztäfer gemalt, entsprachen nicht mehr dem Zeitgeschmack. Also wurden sie übermalt – und gingen vergessen. Die Überraschung war deshalb gross, als sich vor rund sieben Jahren zeigte, dass sich auf dem unscheinbaren Täfer Malereien mit figürlichen Darstellungen befanden. Unter acht Farbschichten holten die Restauratoren in den letzten Jahren sorgfältig Bild um Bild hervor.
Ein seltener Fund
Die Darstellungen zeigen im oberen Teil des Täfers ländliche Szenen mit Figurengruppen und Landschaften mit Flüssen, Seen und Schlössern, im unteren Teil Ornamente, Blumengirlanden und Blätter. Die Bilder können keinem bestimmten Künstler zugewiesen werden. Die an den Restaurierungsarbeiten beteiligte Kunsthistorikerin Barbara Bühler von der kantonalen Denkmalpflege weist aber darauf hin, dass es sich um einen seltenen Fund handelt. Beispiele für Täfermalerei aus dem 18. Jahrhundert sind laut Bühler allerdings in Winterthur häufiger als in Zürich anzutreffen.
In Winterthur gibt es immerhin zwei Vergleichsbeispiele, anhand deren sich die Entstehungszeit der Malereien aus dem «Haus zur Geduld» auf das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts festlegen lässt: die Mitte der 1990er Jahre freigelegten Malereien im «Haus zum grünen Berg» an der Marktgasse und die Bilder aus dem «Haus zur Rose» an der Marktgasse, die 1917 im Schloss Wülflingen eingebaut wurden.
Die zarten, Ton in Ton gehaltenen Bilder entsprachen im Rokoko dem Zeitgeschmack. Ausgehend von der Glasmalerei, setzte sich die Grisaille-Malerei zuerst in den Niederlanden durch, wo sie in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine erste Blüte erlebte. Die Beispiele aus dem «Haus zur Geduld» zeigen eine raffinierte Komposition: Der Himmel, oft mit beeindruckenden Wolkengebilden verhängt, nimmt als offener Raum fast zwei Drittel der Bildfläche ein; Bauten, Landschaften und Figuren sind im unteren Bilddrittel dargestellt. Für die Betrachter ergibt sich so der Eindruck eines weiten Raums, in dem man den Blick durch die Phantasielandschaften schweifen lassen kann.
1448 erstmals erwähnt
Die von der Denkmalpflege begleitete Restaurierung bereichert das «Haus zur Geduld» an der Marktgasse um eine weitere Kostbarkeit. Das 1448 erstmals erwähnte Haus befand sich seit dem 18. Jahrhundert im Besitz der Familie Biedermann, die es grundlegend erneuerte und umbaute. 1919 wurde es vom Industriellen und Kunstsammler Oskar Reinhart erworben, der es zum Sitz des «Clubs zur Geduld» machte – eines privaten Klubs nach englischem Vorbild. Heute ist das unmittelbar neben dem Rathaus gelegene Gebäude im Besitz des Klubs, der es für seine Veranstaltungen und als Treffpunkt für seine rund 400 Mitglieder nutzt.
Besichtigung am Denkmaltag
Das Klubhaus «Zur Geduld» an der Marktgasse 22 in Winterthur steht am Tag des Denkmals, dem 11. September, für Besucherinnen und Besucher offen. Die Führungen durch das 1448 erstmals erwähnte Winterthurer Baudenkmal erlauben auch einen Blick in den sogenannten Damensalon im 2. Obergeschoss, der normalerweise nur den Klubmitgliedern zugänglich ist (11 h, 14 h und 15.30 h).
24.7.2010



















