Zum 40. Todestag von Jimy Hendrix
Jimi Hendrix starb heute vor 40 Jahren – Konzertveranstalter Fritz Rau erinnert an sein liebenswürdiges Wesen und das Gewitter, das auf der Bühne losbrach, wenn Hendrix loslegte. Man hörte damals Schauergeschichten über Jimi Hendrix: Der hat Hotelzimmer in Brand gesteckt, der ist unzurechnungsfähig. Da tat ich, was ich gern mache, um einen Künstler vor der Tournee einzuschätzen: Ich bin nach London gefahren und hab den Jimi besucht. Man muss ja sehen, was die Künstler mit dem Publikum anfangen. Nicht nur auf Platten und Empfängen. Das hat ihm imponiert, dass da einer sagt: Ich bin dein Tourneeveranstalter, aber ich fühle mich wohler, wenn wir uns vorher kennen.
Jimi Hendrix faszinierte mich sofort. Er hat die Gitarre neu erfunden. Privat ein ganz ruhiger Mensch. Aber wie er auf der Bühne gespielt hat, da musstest du dich verlieben. Gitarre, Jimi und Mikrofonständer, das war ein Koitus. Newsweek schrieb: Er behandelte die Gitarre wie eine Geliebte.
In London sollte er bei der BBC auftreten: in der Lulu Show. Das war wichtig, um Platten zu verkaufen. Ich bin mitgezogen und hab auch einen Gitarrenkoffer getragen. Da kam der Regisseur auf die «glänzende» Idee, zu Jimi zu sagen: «Am Schluss machen wir ein Duett zwischen Dir und Lulu. Das ist doch toll.» Was danach passierte, hat mir klar gemacht: Jimi war ein Mann, der nicht nein sagen konnte. Aber er konnte nein handeln. Er sagte nicht: «Ihr habt wohl ’n Hammer, was soll ich mit der Lulu? ,Hey Joe‘ singen?» Er handelte am Ende der Show: «Schluss mit dem Quatsch» – im Live-Set! – «den nächsten Song widmen wir Eric Clapton, Ginger Baker und Jack Bruce.» Er hatte gerade erfahren, dass die Band Cream sich getrennt hatte. Und dann spielte er den Cream-Hit «Sunshine Of Your Love». Unglaubliches Chaos – die hatten ja mit Lulu alles eingeprobt. Ich stand in der Kulisse und dachte: Das ist es! Show Business! Und dann: Um Gottes willen, wenn der sich das mit der BBC erlaubt – was macht der dann mit mir?
Deutschlandtournee, Anfang 1969. Eines unserer frühen Konzerte, Münster. Die Stimmung! Die standen schon auf den Stühlen. Dann spielte er als Zugabe «Star Spangled Banner», die amerikanische Nationalhymne – seine Version, ein Stück wie ein Tieffliegerangriff, Protest gegen den Vietnam-Krieg. Und das hat die Leute umgehauen, die haben die Sitze, eine Art Gartenstühle, zertrampelt. Wir mussten sie nachts wieder zurechtbiegen. Aber was da passierte, hat ihm einen Schrecken eingejagt. Er kam und sagte: «Fritz, I like you. Ich möchte nicht, dass Du das jeden Abend erlebst.»
Er wollte die Hymne nicht mehr spielen, aus Angst, dass die Leute ausrasten. Da sage ich: «Jimi, das ist aber ein Stück, das mir sehr am Herzen liegt.» – «But Fritz, es ist heiss genug bei unserem Konzert.» Wir vereinbarten, dass wir spontan entscheiden.
Nächste Station: Frankfurt, Jahrhunderthalle – da waren die Sitze fest verankert. 1969 ging bei den Studenten die Post ab, da wurde gestürmt und all der Unsinn. Bei Jethro Tull hatten sie uns die Glaswände eingehauen. Und jetzt Jimi Hendrix. Oh Gott, lass es gutgehen. Aber wenn du im festen Sessel sitzt, dann kommt diese Gewalt, bei der auch mal eine Gitarre zu Bruch geht, und drückt dich runter, du kommst nicht hoch wie auf einfachen Stühlen. Und so war es. Die «Experience» donnerte durch den Saal, und die Leute sassen wie angewurzelt da.
Dann die Zugabe. Jimi kommt zur Bühne, guckt mich an, und ich – statt zu sagen: bitte nicht, die Stühle in der Jahrhunderthalle kann ich nicht zurechtbiegen – gebe ihm das Zeichen: «Let’s do it.» Und er hat’s getan.
Ich treffe bei meinen Vorträgen immer wieder jemanden, der sagt: Ich habe Hendrix in der Jahrhunderthalle gesehen – es war das grösste Ereignis meines Lebens. Die sassen da, als das Konzert rum war. Das hat gedauert, bis die aufgestanden sind. So war Jimi.
Am nächsten Tag hatten wir Tourneepause. Meine Frau Hildegard sagte: Na wie wär’s, kommt doch nach Oberursel mit Jimi Hendrix. Und für Amerikaner ist die Einladung ins private Haus das Grösste. «Du lernst meine Familie kennen.» – «Great, Fritz!»
Meine Frau hat einen Käsekuchen gebacken. Jimi hat’s geschmeckt. Und ich spielte ihm Original-Aufnahmen vor von Muddy Waters, John Lee Hooker und so weiter. Wir haben Blues gehört. Er war ein Blues-Mann durch und durch. Wenn Muddy Waters «Five Long Years» sang, ein Lied von Eddie Boyd, da hat er leise mit Muddy gesprochen. «Yeah, Baby.» Und wir sassen alle dabei.
Meine Tochter Saskia war damals neun Jahre alt und etwas hibbelig. Sie brachte ihren Wellensittich mit. Auf einmal knallte die Käfigtür auf, und der Vogel flog pfeilgerade in die Haarpracht von Jimi Hendrix. Ich sass da – ich hätte sterben mögen. Aber Jimi blieb ganz ruhig, lächelte und holte diesen Vogel aus seinem Haarschopf heraus, gab ihn Saskia zurück und sagte: «Don’t worry. Maybe he likes the blues as well.» Vielleicht mag er den Blues auch.
So war Jimi privat. Unglaublich liebenswürdig und ruhig. Aber auf der Bühne! Brach ein Gewitter los, dass – wie es in einem seiner Lieder heisst – die Sterne aus der Sonne flogen. Für mich war er ein Ikarus des Blues, der in die Sterne, in den Weltraum flog und sich an der Sonne verbrannte.
Quelle: Frankfurter Rundschau
18.9.2010


















