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Luzart 2010

Handystrahlung: Risikoforschung und kein Ende

Anhaltende Diskussion zur Strahlung von Handys und Antennen

Trotz zahlreichen Studien herrscht noch immer keine Klarheit darüber, ob Mobilfunkstrahlen schädlich sind. Brauchen wir auf diesem Gebiet eine andere Risikoforschung? Früher wurden neue Technologien genutzt, ohne dass man ihr Risiko genau kannte. Bestes Beispiel ist das Auto, das in Bezug auf seine Sicherheitsrisiken wohl kaum als «unbedenklich» einzustufen ist. Heute aber fordern weite Teile der Gesellschaft Klarheit über mögliche Risiken neuer Technologien – und zwar im Voraus, vor deren Einführung. Das gilt nicht nur für gentechnisch veränderte Organismen und die Nanotechnologie, sondern auch für den Mobilfunk. Seit über zehn Jahren wird erforscht, ob Handys und Mobilfunkantennen der Gesundheit schaden. Eine abschliessende Antwort lässt sich aber noch immer nicht geben. Bei einem Treffen von Vertretern aus Industrie, Behörden und Forschung, das vor kurzem in Zürich stattgefunden hat, wurde nun diskutiert, ob und wie die Risikoforschung in diesem Bereich fortgesetzt werden soll.

Noch klaffen Wissenslücken

Betrachtet man das Gros der bisherigen Studien, ist das Resultat eigentlich erfreulich: Unterhalb der geltenden Grenzwerte gibt es keine konsistenten und überzeugenden Belege dafür, dass Mobilfunkstrahlen die Gesundheit schädigen. Dieser Befund ist allerdings mit einigen Aber versehen. Erstens nahmen an den Studien fast nur Erwachsene teil. Deshalb ist unklar, wie Mobilfunkstrahlung auf Kinder und Jugendliche wirkt. Zweitens wurden in gewissen Untersuchungen auch unterhalb der Grenzwerte Effekte von elektromagnetischen Strahlen auf biologische Systeme beobachtet. Viele dieser Studien sind aber nicht beweiskräftig genug; zudem ist der Wirkmechanismus hinter den Effekten noch unverstanden.

Diese Wissenslücken seien Grund genug, weiter Geld in die Risikoforschung zu investieren, darüber war man sich am Treffen in Zürich einig. Ändern müsse sich aber die Art und Weise der Risikoforschung, sagte Mirjana Moser vom Bundesamt für Gesundheit. Es brauche mehr Grundlagenforschung statt Einzelstudien, bei denen man eine klare Antwort auf eine eng eingegrenzte Frage erwarte – eine Hoffnung, welche die Mobilfunkforschung eben oft nicht erfüllen könne.

Ein Beispiel dafür ist die Interphone-Studie, eine grossangelegte europäische Untersuchung unter Leitung der Weltgesundheitsorganisation zum Zusammenhang von Handystrahlen und Hirntumoren. Das Resultat wird schon lange erwartet, doch der Erscheinungstermin wurde immer wieder verschoben. Als Grund werden hinter vorgehaltener Hand interne Zwiste um die Interpretation der Daten genannt. Klar ist allerdings schon jetzt, dass die Interphone-Studie nicht die definitive Antwort darauf liefern wird, ob Handys denn nun Hirntumore verursachen oder nicht. Dies nur schon deshalb, weil in der Erhebung zu wenige Nutzer berücksichtigt sind, die schon länger als 10 Jahre regelmässig mit dem Handy telefonieren. Statt solche Studien zu machen, solle man besser untersuchen, auf welche Weise die Strahlung genau auf den Körper wirke, so Moser. Verstünde man diese Mechanismen, bekäme man die Antworten auf alle konkreten Fragen zu Tumor- und anderen Risiken quasi gratis mitgeliefert. Oder man hätte zumindest einen guten Ausgangspunkt für gezielte epidemiologische Studien.

Wer trägt die Kosten?

Solch langfristige Grundlagenforschung fordert aber Kontinuität – und sie ist teuer. Doch die Gelder für die Mobilfunkforschung in der Schweiz nahmen in den letzten Jahren stetig ab; mit dem Auslaufen des Nationalen Forschungsprogramms 57 Ende 2010 wird sich dieses Problem wohl noch verschärfen. Laut Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Mobilkommunikation an der ETH Zürich investiert die Industrie international seit einigen Jahren immer weniger in die Risikoforschung. Sie steht vor einem Dilemma: Wenn sie Forschungsarbeiten mitfinanziert, wird ihr unlautere Beeinflussung vorgeworfen. Wenn nicht, wird das als Mangel an Verantwortung gedeutet.

Dennoch bekannten sich in Zürich auch Industrievertreter klar dazu, dass weitere Risikoforschung nötig sei – so etwa Thomas Barmüller vom Mobile Manufacturers Forum in Brüssel. Er hält es allerdings für wichtig, getroffene Massnahmen zum Schutz vor Risiken ebenfalls wissenschaftlich zu evaluieren. Und immer wieder auch darüber zu reden, wann genug geforscht sei. Denn: Ein Nullrisiko lässt sich nie beweisen. Quelle: NZZ

12.5.2010