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Luzart 2010

Teil-Entwarnung für Handynutzer

Studie findet keinen echten Zusammenhang zwischen Strahlung und Hirntumoren

Am Montag ist die grosse Interphone-Studie publiziert worden. Sie liefert keine Belege dafür, dass der Gebrauch von Handys das Risiko für einen Hirntumor klar ansteigen lässt. Auch wenn für viele Personen die tägliche Benutzung eines Handys selbstverständlich ist, so werden doch immer wieder Zweifel laut, ob dies gesundheitsschädlich sein könnte. So fragt man sich besorgt, ob die Strahlung eines Handys die Entstehung von Hirntumoren deutlich begünstigt. Doch dies ist laut den am Montag in der Fachzeitschrift «International Journal of Epidemiology» veröffentlichten Ergebnissen der weltweit grössten Studie zum Thema nicht der Fall.

Grosse statistische Probleme

In der sogenannten Interphone-Untersuchung wurden in 13 Industrieländern (ohne die Schweiz) über 5000 Personen mit einem Gliom oder Meningeom – den beiden häufigsten Hirntumorvarianten – ausführlich zu ihrem Handygebrauch vor der Erkrankung befragt. Als Kontrollgruppe dienten Personen ohne Gehirntumor, die den Patienten aber in Geschlecht oder Alter entsprachen.

Die Studienteilnehmer wurden in Gruppen mit einem seltenen, einem mittleren und einem intensiven Handygebrauch eingeteilt. Dabei zeigte sich, dass nur «Vielnutzer», die in der Vergangenheit insgesamt mindestens 1640 Stunden mit dem Handy telefoniert hatten, allenfalls ein um 30 bis 40 Prozent höheres Risiko für Gliome aufwiesen. In früheren Publikationen zu Teilen der Interphone-Daten war auch ein erhöhtes Risiko durch einen langjährigen – aber nicht unbedingt intensiven – Handygebrauch beschrieben worden. Dies zeige sich in den Gesamtdaten nun aber nicht mehr in dieser Form, betont Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Mobilkommunikation an der ETH Zürich.

Die nun veröffentlichten Zahlen müssen allerdings mit grosser Vorsicht betrachtet werden. Das betonen sowohl die Autoren wie auch einige befragte Experten. Nähme man nämlich sämtliche Ergebnisse aus den Tabellen für bare Münze, so würde der Handygebrauch bis zu der genannten Zahl von 1640 Stunden sogar vor einem Gehirntumor schützen, was wissenschaftlich nicht plausibel ist. Dies zeige, dass es bei der Auswertung grosse statistische Unsicherheiten gegeben habe, räumen die Autoren ein.

Ein Kernproblem ist die oftmals sehr kleine Fallzahl in einzelnen Auswertungsgruppen. So machten an der Studie nur etwas mehr als 20 Patienten mit einem Handygebrauch von mehr als 1640 Studen mit. Zum anderen könne man sich nicht hundertprozentig auf die Angaben der Studienteilnehmer verlassen, da sich schliesslich nicht jeder an Anzahl und Dauer all seiner Handytelefonate in den letzten Jahren exakt erinnern könne, schreiben die Forscher. Anhand der Daten ist somit laut den Experten eine kleine Erhöhung des Risikos für die Entstehung eines Hirntumors durch intensive Handynutzung nicht belegbar, aber auch nicht grundsätzlich auszuschliessen.

Kaum individuelles Risiko

Auch für den Epidemiologen Martin Röösli von der Universität Basel bieten die Interphone-Resultate keinen Hinweis darauf, dass ein häufiger Handygebrauch das Risiko für ein Gliom oder Meningeom deutlich erhöht. Wäre dies der Fall, hätte auch schon bei weniger als 1640 Stunden ein geringfügiger Risikoanstieg sichtbar sein müssen. Denn es sei schlicht unplausibel, warum eine geringe und mittlere Handynutzung überhaupt nichts bewirke, ein intensiver Gebrauch hingegen Auswirkungen habe. Gegen ein echtes Risiko spricht für Röösli wie auch Dürrenberger ausserdem, dass bis dato in keiner wissenschaftlichen Untersuchung geklärt werden konnte, mit welchem Mechanismus die Handystrahlen überhaupt auf Körperzellen wirken könnten.

Zudem gilt es zu bedenken, dass ein solcher Hirntumor insgesamt sehr selten ist. In Industrieländern erkranken pro Jahr nur 6 bis 8 Personen von 100 000 an einem Gliom und sogar nur 2 von 100 000 an einem Meningeom. Selbst wenn für ein Individuum ein – notabene bis anhin wissenschaftlich nicht belegtes – leicht erhöhtes Risiko für eine dieser Erkrankungen durch häufige Handynutzung bestünde, so wäre dieses individuelle Risiko immer noch sehr gering. Quelle: NZZ

22.5.2010